Immer öfter kommen besorgte Eltern in meine Praxis und fragen mich, wie sie ihrem Kind die beste möglichste Förderung zukommen lassen können, ohne sich selbst dabei zu überlasten.
Viele Eltern sind berufstätig stark eingebunden und die damit verbundenen Verpflichtungen sind groß.
Hinzukommt der immer größer werdende Druck der so genannten „Frühförderungsmöglichkeiten für Kleinkinder“.
Seitdem bekannt ist, dass die Gehirne unserer Kleinsten zu Höchstleistungen fähig sind, gibt es immer mehr Angebote für diese. Wurde früher Babyschwimmen und Musikgarten angeboten, so können Eltern nun zwischen einer Vielzahl an Kursen wählen, die sowohl sie selbst, als auch die Kinder, oftmals einfach nur überfordern. Als ich vor über 18 Jahren zum ersten Mal Mama wurde, war für mich und die meisten Mütter klar: am Nachmittag treffen wir uns am Spielplatz. Heute, einige Jahre und Kinder später wird man vom Förderprogramm für Kleinkinder so überhäuft, dass die Qual der Wahl überwiegt. Das verunsichert viele Eltern- nachvollziehbar.
Gleichzeitig besteht das innere Bedürfnis, dem eigenen Kind, das Beste zu ermöglichen.
Meist, so geben viele Eltern an: „Damit sie es später im Leben leichter haben und mit dem Druck der Arbeitswelt besser zurecht kommen, Geld verdienen und sich ihre Träume erfüllen können.“
Aber nicht nur deshalb ist der Druck groß, die „Potentiale im eigenen Kind zu fördern, vor allem in zeitlich berufsbedingten stark eingeschränkten Zeiträumen, sondern auch deshalb, weil viele Eltern, insbesondere Mütter, dazu tendieren, sich und ihre Kinder mit anderen zu vergleichen und der intellektuell geforderte Standart von Kindern immer früher beginnt und spätestens mit Eintritt in eine Regelschule stark steigt.
Bereits in Krabbelgruppen „messen“ viele Eltern, vor allem stark verunsicherte, den Entwicklungsstand ihres Kindes mit anderen, gleichaltrigen Kindern.
Das zeigt, dass eine gewisse Orientierungslosigkeit herrscht, was nun die „gesunde und richtige“ Förderung für Kinder betrifft.
Sich selbst und sein Kind zu vergleichen verunsichert dabei noch mehr. Was für ein Stress! Davon können Mamis 2018 ein Lied singen.
Einige Mütter greifen in ihrer Verzweiflung auf die Vielzahl von Ratgebern zurück, die der Kleinkindmarkt mittlerweile anbietet und berichten, dass sie in diesen Massen an Angeboten nicht mehr wissen, was nun tatsächlich das Beste für ihr Kind ist und sich von den vielen Ratschlägen mehr erschlagen, als getragen fühle .

Spätestens da begegnen sie mir in meiner Praxis und es braucht nicht lange und sie gestehen mir, oft unter Tränen, wie stark ihre Verunsicherung ist und wie sehr sie unter dem Druck, Höchstleistungen sowohl in der Arbeit, als auch zu Hause bringen zu müssen, leiden.
Viele weichen dann meist auf mehr oder weniger erzwungene „Standartförderungen” aus, wie Musikgarten, Pekip-Spielgruppe, Kinderturnen oder Ballett. Dadurch sind die meisten Nachmittage und Abende jedoch völlig verplant mit Förderungs-Terminen, was oftmals eine Belastung mehr für die Familie darstellt, vor allem, wenn man mehr als ein Kind hat. Nicht nur zeitlich, sondern auch finanziell.
Ob es dem eigenen Kind und einem Selbst Spass macht, bleibt oftmals zweitrangig. Sowie eine individuell auf die Interessen, Talente und freie Zeiten des Kind und der Eltern angepasste Förderung.
Wichtig ist oftmals, das eigene Gewissen oder die innere Unsicherheit für eine gewisse Zeit zu beruhigen und dem Druck von Aussen etwas Erleichterung zu verschaffen. Wer will schon gern hören: „Na, ihr nehmt an keinen Kursen Teil? Machst du dir da nicht Sorgen wegen der Entwicklung?“
Doch genau diesem Druck Stand zu Halten, ist für viele Eltern die Eintrittspforte ins Reich der inneren Eltern Hölle. Immer mehr Eltern machen daraufhin genau das, was vielfach von Ihnen erwartet wird: Den Kindern ordentlich Druck, „damit später auch was aus ihnen wird“. Nur unter vorgehaltener Hand werden sowohl die Kinder als auch die Eltern immer ausgebrannter, erschöpfter und unsicherer und sagen:
„Ich habe immer weniger entspannte Zeit für mein Kind, wir hetzen nur noch von Termin zu Termin. Wo bleibt da noch Raum für das gesunde WIR? Es leiden mehr Mütter an Depressionen, Stress und Burn Out, als je zuvor in der Geschichte. Zeit darüber nachzudenken, welcher Art von Druck und „Förderung“ man sich selbst und seinen Kindern aussetzen möchte.

Welche Förderungen sind nun wirklich sinnvoll und von welchen Angeboten sollten Eltern eher absehen?

Meine Erfahrung als Familientherapeutin und bald fünffach Mama ist, dass die beste Förderung für ein Kind ist, wenn es die Welt, sich selbst, seine individuellen Interessen, bereits im Kleinkindalter möglichst frei entdecken kann. Und dies am besten in Gegenwart eines entspannten und selbstbewussten Erwachsenen.
Dies gelingt, wenn wir uns selbst nicht so sehr unter Druck setzen, den Vergleichsmodus begraben und unseren Kindern so viel Freiraum zum Spielen und Entdecken geben, wie möglich.
Das ist oftmals leichter gesagt, als getan, ich weiß. Es braucht für viele Eltern, vor allem Mütter, sehr viel Mut, den eigenen Weg zu gehen und vor allem, den eigenen Instinkten zu vertrauen. Der mütterliche Instinkt wurde vielfach im Keim der perfekten Elternschaft erstickt, was aus meiner Sicht einer gesunden Eltern- Kind Beziehung im Weg steht. Studien zeigen, dass Kinder sich am Besten in einem Umfeld entwickeln, dass sich voller Vertrauen und Wertschätzung begegnen kann. Wertschätzung vor allem, vor den eigenen Bedürfnissen, Instinkten und Gefühlen. Wenn sich der Magen beim Gedanken daran umdreht, jeden Nachmittag von Termin zu Termin zu hetzen, darf man ruhig ja sagen. Ja zum eigenen Gefühl- und den Mut haben, nein zur überzogenen Frühförderung zu machen.
Dabei halte ich mich gerne an Aristoteles Tip, das gesunde Mittelmaß ist bei allem, das sinnvollste.
Dabei sollten wir keine Angst davor haben, dass die Gehirne unserer Kinder damit aufhören sich zu entwicklen oder “zu viel Langeweile” in ihnen entsteht.
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass „Langeweile“ oftmals der beste Antrieb für Kreativität und somit für die gesunde Vernetzungen im Gehirn ist.
Kinder sind im 21. Jahrhundert schon sehr früh in tägliche „Pflichten“ eingebunden, wie Krabbelgruppe, Kindergarten oder Nachmittagsbetreuung, sei es durch Hort oder oben erwähnte Programme. Da bleibt oft nur wenig Zeit, ausgelassen zu spielen. Einige Untersuchungen, vor allem aus skandinavischen Ländern ergaben, dass Kinder sich im freien Spiel am vielfältigsten entwickeln können. Das Gehirn unserer Kinder ist in den ersten sechs Lebensjahren enorm aufnahmefähig. Zum Beispiel lernen Kinder zwischen 2 und 4 Jahren mit Leichtigkeit eine zweite Fremdsprache. Beherrschen diese jedoch nur dann ein Leben lang, wenn sie die Gelegenheit haben, sie regelmässig zu wiederholen.
Theoretisch kann ein 3 jähriger mit seiner Gehirnleistung schon Rechnen und Schreiben lernen, doch die Frage ist: Was wollen wir unseren Kinder wirklich mit auf den Lebensweg geben?
Die Fähigkeiten perfekt Englisch zu sprechen, mathematische Formeln herzuleiten, Tennisregeln auswendig zu beherrschen oder die Fähigkeiten optimistisch ins Leben zu gehen, Hindernissen, die jedem von uns begegnen werden, voller Zuversicht und Selbstvertrauen meistern zu können und couragiert die eigene Meinung äußern zu können?
Amerikanische Studien zeigen, dass Kinder, die als Kleinkind in Sprache oder Mathematik, Sport oder Musik stark gefördert wurden, dieses Wissen nur dann behalten, wenn sie es auch regelmässig wiederholen und in einem Alter von etwa 11 Jahren sich der so früh aufgebaute „Vorsprung“ wieder relativiert. Oftmals standen diese Kinder so unter Druck, Leistung zu bringen, dass ihnen entweder der Spass am Lernen verging oder sie sich viel zu lange langweilten und ihren wichtigen und gesunden Spieltrieb viel zu früh aufgaben. Dies wiederum wirkte sich negativ auf die Fähigkeit aus, dem Leben positiv begegnen zu können, da das Selbstvertrauen unter Stress und Druck zu sehr leidet. Es bleibt für alle Eltern deshalb die Fragen:
„Was will ich meinem Kind in die Zukunft mitgeben?
„Wobei möchte ich seiner natürlichen Entwicklung vertrauen?“
„Wie wollen wir unser gemeinsames Zusammenleben gestalten und verbringen?“
Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Kinder am besten im späteren Leben zurecht kommen, wenn sie schon sehr früh in ihrem Selbstvertrauen, Selbstwert und im Umgang mit anderen Menschen gefördert werden. Der Fokus von Eltern sollte demnach weitaus mehr darauf liegen, die eigenen Kinder (und sich selbst, denn Kinder lernen durch Nachahmung) in diesen Kompetenzen zu stärken und auch dies gelingt am besten, durch freie Spielzeiten.
Wenn ich in einen Sandkasten voll mit Kleinkindern sehe, bietet dieser Ort eine Vielzahl an Entwicklungsmöglichkeiten. Angefangen bei motorischen Förderungen, durch Schüttübungen, Burgenbauen oder Sandkörner zwischen die Fingerchen rieseln zu lassen, des weiteren soziale Kompetenzen, die Fähigkeit Konflikte zu lösen oder die gelungenen Sandkuchen gemeinsam zu zählen.
Kinder brauchen in der Regel wenig Entertainment und kommen sehr gut damit zurecht, sich auf das spätere Leben vorzubereiten, indem sie die Welt in der sie leben, voller Neugier entdecken können.
Entweder durch ausgiebige Spaziergänge in der Natur, ausreichend Zeit auf Spielplätzen und genügend Ruhe, um einen Bauklotz auf den anderen zu setzen. Immer und immer wieder.
Der Stress und innere Druck, den viele Eltern, gerade beim ersten Kind verspüren, ist in der Regel überflüssig und stört häufig das gesunde Entwicklungs- und Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie.
Kinder sind tatsächlich am ausgeglichensten und lernfähigsten, wenn sie entspannte Eltern an ihrer Seite haben, die ihrem Kind ausreichend Spiele-Zeit, sowie genug Vertrauen schenken und ihre individuellen Talente, mit Spass und Entspannung fördern.

Katharina Pommer ist Familientherapeutin, selbst Mutter von demnächst fünf Kindern und arbeitet in eigener Praxis in Bayern.
www.katharina-pommer.de

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