Etwa den Yogakurs zu besuchen?

Täglich zu meditieren oder einem Gottesdienst beiwohnen?

Viele Menschen streben danach, sich selbst in einem anderen Licht betrachten zu können, Erfüllung, inneren Frieden und ein Stück Erleuchtung aus Spiritualität heraus zu ziehen. Doch was bedeutet es wirklich, spirituell zu sein und danach zu leben?

Ich meditiere seit meinem 18 Lebensjahr. Das Wort Spiritualität war mir unbekannt, auch der Hyp, der daraus gemacht wurde. Ich wollte einfach eine andere Art finden, um mit den Herausforderungen im Leben umgehen zu können. 

Ich wollte einen Weg finden, dem Leben auf eine sanfte und natürliche aber vor allem auch realistische Weise zu begegnen. Ich wollte mich selbst besser leiden können und andere ebenso. 

In mich hinein zu horchen, still zu werden und dem Alltag erst dann zubegegnen, wenn ich mich, meinen Körper und meine Gedanken wieder klar fühlen konnte, erschien mir dafür als der natürlichste Weg. 

Ich glaube, das Leben ist da, damit wir erkennen, wer wir in Herausfoferungen sind und zu wem wir sein wollen, um sie zu meistern. 

Ja das Leben ist nicht immer happy. Selbst mit Meditation nicht. Spiritualität hat nichts damit zu tun, eine Kluft zwischen Illusion, Wunschdenken und Realität zu errichten, sondern sie zu schließen. 

Die Balance zu finden und zu einem Menschen zu werden der sich selbst und anderen Halt und Inspiration gibt.

In diesem Blogartikel erläutere ich Spiritualität mal ganz und völlig anders betrachtet, als der Mainstream es vorgibt…

Spiritualität bedeutet im Leben zu stehen und füreinander da sein.

Spirituell sein heißt, die Fähigkeit zu erlangen, präsent da sein zu können, vor allem in der Not und im Schmerz, aber auch in der Freude und im Genuss. 

Viele von uns können das nicht. Präsent sein. Ihr Inneres Toleranzfenster lässt es nicht zu, im hier und jetzt zu sein. Ich habe das auf viele weise erläutert in meinen Vorträgen. Der Grund sind frühkindliche Traumata, die uns veranlassen, bei zu viel Stress entweder mit Flucht, Angriff, Unterwerfung oder Starre zu reagieren. 

Das ist eine menschliche Reaktion, die einer Realität entspricht, der wir uns nicht einfach so entziehen können, selbst während der Meditation oder durch stundenlanges Affimieren werden wir den Schmerz spüren, der betrachtet werden will. Blenden wir ihn aus, weil wir meinen, ohne ihn spiritueller zu sein, verleugnen wir eine menschliche Realität. Dieses verleugnen führt zu Depression, Burn Out und Leid. 

Spirituell sein, bedeutet am Leben teilnehmen zu können. Es bedeutet sich der Wirklichkeit zu stellen und die Fähigkeiten zu erlangen sie auch aushalten zu können. 

Wenn wir das wollen, ist es wichtig, dass wir lernen dem inneren Kind auf adäquate Weise zu begegnen, seine Bedürfnisse zu erfüllen und sich der unbewussten Traumata bewusst anzunehmen. Es bedeutet uns selbst bewusst nachzubeeltern. 

Wenn wir als Kind oder Baby nicht gesehen oder geliebt wurden, und uns selbst und unser inneres Kind als erwachsene Menschen weiterhin nicht sehen, weil wir denken, Spiritualität hält dieses Leid und diesen Schmerz nicht aus, fügen wir uns genau das gleiche Leid weiterhin zu, dass uns die Kindheitsbegleiter durch ihre Unwissenheit und Traumata ebenso zufügten. 

Das nennt ihr dann spirituell?!

Ich nenne es: Retraumatisierung.

Spiritualität bedeutet die Hand zu halten, wenn jemand, den man liebt seine Hilfe braucht. Auch wenn es die eigene Hand ist. 

Und darüber hinaus bedeutet es, dafür zu sorgen, dass die Hand des anderen, unseres inneren Kindes ebenso erfüllt ist, mit allem was es zum Existieren braucht. 

Spirituell sein, heißt aber auch die Hand eines Fremden zu halten, wenn er darum bittet oder diese auch loszulassen, wenn es die Situation oder er selbst dies von uns verlangt. 

Spirituell sein heißt, darauf zu achten dass Menschen die mit uns leben, es gut haben, emotional, körperlich, seelisch, geistig, aber auch finanziell. Es bedeutet aber auch, dass wir uns dies auch selbst schenken, wenn es Zeit dafür ist. 

Spirituell sein heißt, nachts aufzustehen und den Kindern Wasser and Bett zu bringen, wenn sie durstig sind, den Hustensaft zu geben, auch wenn es drei Uhr morgens ist und den Bettlaken nach einer Magengrippe zu wechseln- und all das, mit allen Gefühlen die dies in uns auslöst. Manches Mal löst es Dankbarkeit aus, wir spüren wie schön es ist gebraucht zuwerfen, für andere da zu sein, manches Mal ist es jedoch auch so, dass es uns Stress und Angst macht, wir denken,  dieser Verantwortung nicht länger Stand halten zu können. 

Spiritualität kann beides annehmen und sein lassen, denn sie weiss, dass diese Gefühle einfach zum Leben dazu gehören und dass es darum geht, sich selbst mit all dem was wir mit bringen lernen gern zu haben . 

Spiritualität hat keinen Platz für Vorwürfe oder böse Blicke, sich selbst gegenüber, denn sie ist damit beschäftigt in Bewegung zu bleiben und sich zu erfahren, in allem, was geschieht.

Spirituell sein bedeutet zu sagen, wenn man Hilfe braucht, sich mitzuteilen, wenn man ängstlich ist und in der Lage zu sein für sich und für andere, einzustehen. 

Es bedeutet aber auch zu erkennen, wie groß die Sehnsucht danach ist, wenn wir feststellen, dass wir dazu noch nicht in der Lage sind. Es bedeutet in der Lage zu sein zu fühlen: ich mach mich auf, um mir selbst nun die Erfahrung schenken zu können, dass meine Traumata der Vergangenheit angehören und ich mich jetzt neuen Erfahrungen öffnen darf. Ich darf nun auch erfahren, dass andere Menschen für mich da sind. Selbst wenn es lange Zeit in meinem Leben nicht so war. 

Spirituell sein bedeutet auch zu erkennen, wann Gefahr droht und die eigenen Kamele anzubinden sind. 

Es bedeutet die Augen auf zu machen und sich nicht in der Illusion einer besseren Welt zu verlieren.

Spirituell sein heißt, sich auch mal in den Vordergrund stellen zu können, wenn es sein muss, und sich zurückzunehmen, wenn das Feld es erfordert. Es bedeutet auch Fehler machen zu dürfen und sich dafür weder zu verurteilen, noch sich abzuwerten. Und wenn dem geschehen sollte, dann ist Spiritualität in der Lage auch das als einen Teil unseres Lebens betrachten zu können, ohne in eine weitere Schleife der Abwertung zu gelangen. Und selbst, wenn auch dies erneut geschieht, geben wir uns der Abwertung solange hin, bis wir uns selbst vergeben können. 

Spirituell sein heißt, auf all das zu blicken, was wir sind.

Spirituell sein bedeutet, dem Vergessen zu verzeihen.

Denn es weiß um die Menschlichkeit. 

Spiritualität schmälert nicht, sie verletzt, kränkt oder defamiert nicht. Denn wenn dem so geschehen ist, weiß sie, dass auch dies ein Teil des Menschseins ist. Und alles was wir erkennen ist am Weg der Besserung.

Spiritualität wertet nicht ab und gibt niemanden das Gefühl klein, untergeordnet, unbedeutend oder wertlos zu sein- auch nicht sich selbst gegenüber.

Und wenn dem so geschieht, dann tut sie es auch weiterhin nicht, bis es ihr eines Tages gelingt, milde zu sein mit sich und anderen. Doch bis dahin weiß es um die eigene Menschlichkeit und auch die des anderen. 

Spirituell ist, wer in der Lage ist, auch mal zuzugeben, dass man unrecht hatte, falsch lag oder es einfach nicht besser wusste.

Spiritualität bedeutet, das Streben nach mehr, ohne dabei zu vernichten.

Spirituell sein bedeutet im Alltag alle Aufgaben voll und ganz zu bewältigen, die das Leben mit sich bringt, sich darum zu kümmern, auch wenn es einem viel Mühe abverlangt. Spiritualität weiß um die Menschlichkeit und Verletzlichkeit.

Spiritualität weiß aber auch, dass es auch jammern, sich fürchten, wütend oder einfach ängstlich und im Zweifel sein darf. Spiritualität verurteilt das Menschsein niemals.

Spirituell sein bedeutet auch, Hilfe anzunehmen und sich einzugestehen wenn es Zuviel wird.

Spiritualität bedeutet mehr als täglich zu meditieren. 

Wenn du meditierst, deine Frau dabei jedoch alleine den Alltag und die Kinder meistert, dann hast du Spiritualität nicht verstanden. 

Deine Meditation ist das Leben. 

Geh ins Leben. Tauche darin ein. Atme es ein und lebe es.

Versteck dich nicht hinter deiner Yogamatte und den erleuchtenden Bildern und Lichtern, den Botschaften von Wesen oder den Visionen von morgen. 

Nimm Teil am Leben. Nimm Teil am Geschehen und Schenk den Menschen und dem Leben deine durch Meditation neu gewonnene Haltung, Einsicht und Umgangsformen- aber Dreh dich nicht weg. 

Schau sie dir an, die Menschen, die mit dir täglich Zeit verbringen und hör Ihnen zu. Lausche ihrer Sicht über dich und das Leben mit dir, denn sie sind deine Meister. 

Folge niemandem der dich belehrt, bewertet oder dich glauben lässt, nur er könne dich erretten. 

Folge dem Teil in dir der seit Anbeginn deiner physischen Existenz da ist. 

Deinem Herzen. 

Dein Herz ist mitten drin im Leben- mitten im Körper. Es schlägt nicht abseits.

So wie du auch niemals abseits stehen solltest.

Spirituell sein ist so viel mehr als das Lesen eines Buches, das chanten eines Mantras, das Entzünden eines Stäbchens, das Trinken eines Sudes aus Peyote. Spiritualität ist so viel mehr als das Anordnen von Symbolen, das sprühen von Essenzen oder das Aufsagen spezieller Formeln. Doch all das ist ein Teil deines Glaubens und deshalb auch eine Form deines Lebens.

Spiritualität ist das alles und darüberhinaus alles.

Spiritualität unterteilt nicht in unten oder oben und doch erfasst es das Ganze auf eine mikroskopisch detaillierte Weise. 

Spiritualität ist Lebendigkeit.

Und so lange dein Herz schlägt, bist du spirituell. 

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